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SPIRITUALLY: «Polarer Advent»

 


Im Vorbereitungsteam für die diesjährige Adventsfeier des forum3 ist uns aufgegangen, wie sehr Polaritäten die Adventszeit durchziehen. Die Weihnachtsbeleuchtung brennt während der dunkelsten Zeit des Jahres. Auf dem Winterspaziergang in klirrender Kälte freuen wir uns auf den Tee in der warmen Stube. Da ist oft hektische vorbereitende Aktivität neben den Momenten von Besinnlichkeit und Ruhe - oder doch die Sehnsucht danach. Gespannte Erwartung und freudige Erfüllung spiegelt sich auf Kindergesichtern. Die Weihnachtsgeschichte erzählt vom Unterwegssein der drei Weisen und dem Ankommen beim Christuskind.

Eine Polarität ist die spannungsvolle Einheit von zwei Aspekten, bei der der eine Aspekt auch im anderen vorhanden ist. Ying und Yang. Etwas abstrakt, ich weiss. Stellen wir uns darum eine Zirkus-Jongleuse vor, wie sie mir schier unglaublicher Geschicklichkeit drei, vier oder noch mehr Bälle oder Stäbe in permanenter Balance von Fangen und Werfen in der Luft hält - Polaritäten in Aktion! Festhalten und Loslassen, links und rechts, oben und unten, höchste Konzentration und spielerische Leichtigkeit - und das alles gleichzeitig. Immer auch auf das Risiko hin, dass alles auf einmal herunterfällt. Ein wunderbares Beispiel zum Umgang mit Polaritäten, die die Jongleuse - was uns sofort einsichtig ist - keinesfalls in Gegensätze zerfallen lassen darf! Würde sie auf einmal nur noch festhalten oder nur noch werfen, wäre die Performance sofort zu Ende.

Was geschieht, wenn Polaritäten der alltäglichen, gesellschaftlichen oder politischen Existenz in Gegensätze zerfallen, zeigt sich drastisch: während der Pandemie zum Beispiel bezüglich der Polarität bei der Impfung. Wir haben gesehen, wie die einen die Impfung als von dunklen Mächten gesteuerten Grossversuch verunglimpfen, andere hingegen jeden Impfabstinenten als unsolidarischen Trottel abtun. Es war oft so schwierig, die Polarität auszuhalten, zu sagen: Ja, die Impfung schützt sehr viele Menschen. Und eben auch: Ja, die Impfung kann vereinzelt zu unschönen Nebenwirkungen führen.

Angesichts des Ukrainekrieges zerfällt auch eine Polarität. Es gilt nur noch Waffen liefern, hochrüsten, militärische Stärke - oder dann die Kapitulation vor dem bösen Feind. Ein sicher schwieriger und viel Kreativität erfordernder dritter Weg scheint komplett aus dem Blick zu geraten.

Wie weihnächtliche Polaritäten in Gegensätze aufgetrennt werden, erleben wir, wenn die einen dem Rummel auf die Malediven entfliegen, während andere am Heiligen Abend total erschöpft unter dem Weihnachtsbaum einschlafen - mit entsprechenden Folgen sowohl für das Klima in der Atmosphäre als auch dem in der Familienstube.

Ich habe anfangs erwähnt, wie wir in der Vorbereitungsgruppe entdeckt haben, dass gerade Advent und Weihnachten von solchen spannungsvollen Phänomenen durchzogen sind. Ich meine, das ist kein Zufall. Weihnachten lebt von der erstaunlichsten Polarität, die wohl überhaupt existiert: Da wird uns Gott vorgestellt, der als Mensch, ja als normales, hilfloses Baby auf der Welt erscheint. Weihnachten - das ist die unauflösbare Polarität von Gott und Mensch. Und damit das Ende der uralten, unseligen Trennung von dort: der allmächtige Gott in einem fernen Himmel, und hier: der hilflose, in ein feindliches Universum geworfene Mensch. Weihnachten ist die Botschaft, dass Gott auf immer das Gesicht des Menschen trägt und mit menschlichem Erleben verwachsen ist - und dass wir Menschen unverlierbar die göttliche Würde in uns tragen. Dass wir uns bewusst werden: Gott in uns, und wir in Gott - das ist polarer Advent. Und damit der Anfang vom Ende aller heillosen Dualismen, in die wir die Welt und unser Leben immer wieder zerreissen.

Wie können wir aufhören, Polaritäten in Gegensätze aufzutrennen? Was braucht es dazu? Gott hat es uns vorgemacht. Er hat seine Himmel verlassen und sich als Kind hingegeben in einen einfachen Stall, genährt von einer Mutter, angewiesen auf einen Vater, gewärmt von Tieren, eine Freude für einfache Hirten. 

Wie die Jongleuse zu Beginn, so ist auch Gott das Risiko eingegangen, sich in diesem Jesuskind ganz in die Hände der Menschen zu geben und die Erfahrungen der Menschen zu teilen - auch die ganz schwierigen.

Das würde es also bedeuten, die Polarität wirklich zu leben: sich nicht mit der eigenen Macht, Position und Überzeugung identifizieren. Mich ver-lassen, mich auf die andere Seite zu bewegen, die andere, fremde Erfahrung machen - und sei das einfach nur mal gut zuhören und den anderen Pol ernstnehmen - weil er nämlich auch in mir lebt. Und das alles als ein leichtes Spiel, hin und her, wie im Tanz auf die andere Seite zugehen und wieder zu sich selber zurückkehren.

So entsteht - statt des Entweder-Oder-Grabens - ein Boden für sicher nicht einfache dritte Wege, für kreative Lösungen. So wächst Frieden. Der Friede, von dem die Engel in der Weihnachtsgeschichte singen.

Thomas Schüpbach-Schmid, Hochschulseelsorger

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