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Eine neue Logik

Die Worte Jesu sind mir wichtig. Nicht immer im gleichen Masse. Aber manchmal packt mich eines und bewegt sich in mir weiter, stellt mir eine Frage, fordert mich heraus. So geht es mir im Moment mit den Worten:  

«Selig sind die (was bedeutet: «stimmig leben die») Gewaltlosen, denn sie werden das Land erben.»

Wie vielen von uns gehen mir die Kriege im Nahen Osten und in der Ukraine nahe. Das Leid der Menschen, die fehlende Aussicht auf ein Ende der Gewalt, die Ohnmacht drücken auf die Stimmung. Mehr und stärkere Waffen werden für die Ukraine gefordert. Zusätzliche Soldaten sollen an die Front «geworfen» werden. Führende Politiker und Militärs warnen vor einer Ausdehnung des Krieges auf weitere Gebiete Europas. Die Staaten – auch die Schweiz – sollen ihre Militärbudgets erhöhen, aufrüsten, um dem Feind im Osten eine glaubwürdige Abschreckung entgegen zu stellen. Dahinter steckt die Logik, wonach Gewalt nur mit noch grösserer Gegengewalt beizukommen ist. Das eigene Land, Freiheit und Sicherheit sei nur mit Bomben, Granaten, Raketen und Panzern zu verteidigen. Die Folgen der Umsetzung dieser Logik sind evident: die Entmenschlichung der Kämpfenden, der Tod hunderttausender Männer, Frauen und Kinder, eine kriegstraumatisierte Generation, vernichtete Infrastruktur und zerstörte Natur.  

Wenn man Politiker*innen-Statements und Medienkommentare zur Kenntnis nimmt, scheint es, als sei diese Logik der Gegengewalt die einzig alternativlose Antwort auf die Aggression.  Ich wage zu fragen: Sind die angestrebten Güter (Land, Freiheit, Sicherheit) den unendlich leidvollen Preis dieser Logik wert?

Das Wort von Jesus tut uns eine Tür auf zu einer anderen Logik im Umgang mit Gewalt: dem Weg des – auch im Verteidigungsfalle – gewaltlosen Widerstandes. Dieser unterbricht die Spirale der Gewalt. Er setzt auf den Aufbau von Vertrauen statt auf die Erzeugung von Angst. «Ist das nicht naiv?», mag man einwenden. Ist indes Gewaltlosigkeit nicht – im direkten Sinn des Wortes – lebensnaher als die Akzeptanz des unermesslichen Kriegsleidens, wie wir es in der Ukraine und in Gaza sehen? Gewaltloses Handeln ist kein feiges Duckmäusertum. Es erfordert mindestens genauso viel Mut, geistige Brillanz und Training wie das Erlernen des Kriegshandwerkes. Aber statt zu entmenschlichen, bewahrt es die Würde des Menschen und stärkt seine Selbstachtung.

Wäre es nicht lohnend, sich nach vielen tausend Jahren mit der Logik der Gewalt mit der neuen Logik der Seligpreisung Jesu auf den Weg zu machen zum verheissenen Land nachhaltiger Sicherheit und Freiheit? Das dünkte mich eine wirkliche «Zeitenwende»!

Thomas Schüpbach-Schmid, Hochschulseelsorger und Leiter des forum³


Hinweis: Im kommenden Herbstsemester steht am 11. November um 18.15 Uhr eine Veranstaltung auf dem gemeinsamen Programm vom forum³ und aki, die sich mit den Perspektiven des gewaltlosen Widerstandes auseinandersetzt. Wir haben dazu einen Friedensaktivisten und Pfarrer der Mennonitenkirche eingeladen. Die Mennoniten gehen zurück auf die Täufergemeinden zur Zeit der Reformation. Sie lehnen den Kriegsdienst ab und haben theologische Grundlagen und praktische Formen des gewaltlosen Widerstandes entwickelt.



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